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AIDS ist zunehmend weiblich. Weltweit infizieren sich mehr Frauen und Mädchen neu mit HIV als Männer. Gleichzeitig schultern Frauen auch die Hauptlast der Folgen der Krankheit. Der weltweite Kampf gegen AIDS muss intensiviert werden und dabei müssen Frauen und Mädchen gestärkt werden.
Weltweit sind rund 40 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert. Obgleich sich die Krankheit überall auf der Welt ausbreitet und alle Bevölkerungsschichten erreicht hat, sind einzelne Gruppen nach wie vor höheren Ansteckungsrisiken ausgesetzt. Von den 4,3 Millionen Neuinfizierten im Jahr 2006 sind ein überproportional großer Anteil Frauen und Mädchen. Waren vor zwanzig Jahren nur 40 Prozent aller Betroffenen weiblich, ist es mittlerweile fast die Hälfte. Nach den jüngsten Zahlen von UNAIDS leben 2006 fast 18 Millionen Frauen mit der Immunschwäche. In Subsahara-Afrika, der weltweit am stärksten von der Pandemie betroffenen Region, sind sogar 59 Prozent der HIV-Infizierten weiblich.
Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zum einen sind Frauen biologisch deutlich anfälliger für die Krankheit als Männer. Zum anderen herrschen vielerorts patriarchalische Strukturen. Zu der ohnehin schon mangelnden Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln kommen in vielen Entwicklungsländern daher die bedrückenden Folgen einer insgesamt niedrigeren gesellschaftlichen Stellung von Frauen. Sie reichen von der großen Schwierigkeit für Frauen, Entscheidungen über sexuelle Handlungen gegenüber ihrem Partner durchzusetzen und die Anwendung von Safer Sex-Praktiken einzufordern, bis hin zu systematischen Vergewaltigungen von Frauen in Kriegs- und Krisengebieten.
Die zunehmende Erkrankung von Frauen hat gravierende Auswirkungen auf das soziale und wirtschaftliche Leben in den betroffenen Gesellschaften. Ohnehin fällt auf Frauen die Hauptlast der Folgen der Krankheit zurück. Doch wenn sie selbst infiziert sind, können sie ihre traditionelle Aufgabe, sich um die Kinder und ältere Familienmitglieder zu kümmern, nicht mehr leisten und werden selbst pflegebedürftig. Ein weiteres Folgeproblem ist die steigende Gefahr von Mutter-Kind-Übertragungen. Bereits jetzt stirbt jede Minute ein Kind an AIDS.
Um Frauen vor Infektion zu schützen, brauchen sie vor allem einen besseren Zugang zu Informationen über die Krankheit und deren Übertragungswege. Außerdem müssen die Gesundheitssysteme in vielen Entwicklungsländern ausgebaut werden, sodass mehr Frauen die Möglichkeit zu sexueller und reproduktiver Gesundheitsfürsorge sowie zu Schwangerschaftsvorsorge wahrnehmen können. Aber nicht nur bei der Prävention, sondern auch bei der Behandlung bedarf es verstärkter internationaler Bemühungen. Momentan können lediglich 24 Prozent derer, die einer lebensverlängernden antiretroviralen Therapie bedürfen, diese auch erhalten.
Die Preise für die dringend benötigten Medikamente sind für die meisten Menschen in Entwicklungsländern nach wie vor schlicht nicht zu bezahlen. Internationale Patentrechte, insbesondere die Regelungen des TRIPS-Abkommens der Welthandelsorganisation, dürfen nicht dazu führen, dass der Zugang zu Medikamenten in Entwicklungsländern durch zu hohe Preise erschwert wird oder dass nur Medikamente für die Nachfrage in Industrieländern entwickelt werden. Die G8-Staaten haben vor zwei Jahren das Versprechen abgegeben, einen universellen Zugang zu Medikamenten zu ermöglichen. Deutschland steht daher auch in der Pflicht, dieses Versprechen einzulösen. UNAIDS und die WHO schätzen, dass für das Jahr 2007 in der AIDS-Bekämpfung noch eine Finanzierungslücke von 10 Milliarden US-Dollar besteht – die Bundesregierung muss seine Zusagen viel deutlicher als bisher erhöhen.
Unser interfraktioneller Antrag verleiht der Notwendigkeit zu schnellem Handeln Nachdruck. Darüber hinaus fordern wir die Bundesregierung dazu auf, sich bei der Bekämpfung von HIV/AIDS stärker auf die besondere Situation von Frauen zu konzentrieren und die deutsche G8-Präsidentschaft dafür zu nutzen, dem Thema HIV/AIDS auf höchster Ebener einen angemessenen Stellenwert zukommen zu lassen.
Rede von Ute Koczy zum Welt-Aids-Tag 2006