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"Die vergessenen Kranken"

19. Juni 2008

Grünes Fachgespräch diskutiert Maßnahmen gegen vernachlässigte Krankheiten

Für vernachlässigte Krankheiten wie Schlafkrankheit und Flussblindheit, aber auch für Tuberkulose und Malaria zeichnen sich international erste Fortschritte bei der Forschung und Entwicklung von Medikamenten ab. Auf Einladung von Ute Koczy, entwicklungspolitische Sprecherin und Biggi Bender, gesundheitspolitische Sprecherin, diskutierten Marion Caspers-Merk, Parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, Professor Stefan Kaufmann, Direktor des Max-Planck-Instituts, Dr. Tido von Schön-Angerer, Ärzte ohne Grenzen und Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) über nationale Möglichkeiten die Anstrengungen bei den in Forschung und Entwicklung vernachlässigten Armutskrankheiten zu stärken.

Am 24. Mai 2008 hatte die Weltgesundheitsversammlung ein globales Strategiepapier für einen Aktionsplan zu Gesundheit, Innovation und geistigem Eigentum verabschiedet. Die zum Teil sehr weitreichenden Empfehlungen stimmen hoffnungsvoll. Ob die damit verbundenen Erwartungen erfüllt werden, hängt nun von der national und international erforderlichen Konkretisierung ab. Das grüne Fachgespräch war die erste parlamentarische Veranstaltung, auf der nach der Annahme des Strategiepapiers die weiteren Schritte diskutiert wurden.

In der engagierten Diskussion wurde schnell deutlich, dass innerhalb der Bundesregierung keine klare Zuständigkeit für die Forschung zu vernachlässigten Krankheiten besteht. Die Verantwortung wird zwischen Gesundheits- und Forschungsministerium sowie dem Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung immer wieder hin und her geschoben. Dieses Problem muss zügig gelöst werden. Aus dem Publikum wurde vorgeschlagen wie in Großbritannien und Norwegen eineN BeauftragteN für vernachlässigte Krankheiten zu ernennen. Die Bundesregierung wurde aufgefordert  mehr Geld für die öffentliche Forschung zur Verfügung zu stellen. Aber dies reiche nicht aus. Genauso notwendig ist es Medikamente für Menschen in den Entwicklungsländern zu bezahlbaren Preisen zur Verfügung zu stellen. Deshalb müsse u.a. die öffentlich finanzierte Forschung zu vernachlässigten Krankheiten ihre Ergebnisse frei zugänglich machen und nicht kommerziell verwerten. Dieser Open-Access-Ansatz der öffentlichen Forschung wurde besonders von Professor Kaufmann und Tido von Schön-Angerer vertreten.

Als Forschungsanreiz für die pharmazeutische Industrie wurde insbesondere über die Forschungsprämie, die auch in dem globalen Strategiepapier der WHO erwähnt wird, diskutiert. Die Einschätzungen reichten von einem sinnvollen Instrument, welches, so Tido von Schön-Angerer, z.B. bei der Entwicklung von Tuberkulose-Diagnostika zur Anwendung kommen könnte. Cornelia Yzer und Marion Caspers-Merk zeigten sich grundsätzlich offen für Forschungsprämien, äußerten aber auch Bedenken wegen der langen Verpflichtungsperiode der GeberInnen sowie des Risikos der ForscherInnen über lange Zeiträume zu forschen ohne zu wissen, ob ihre Kosten jemals gedeckt werden. Frau Yzer plädierte außerdem dafür das bereits bewährte und zu einzelnen Produkten erfolgreiche Instrument der Product Development Partnerships stärker zu nutzen.

Das politische Interesse für die Bekämpfung vernachlässigter Krankheiten ist aktuell höher denn je. Mit dem globalen Strategiepapier der WHO wurde ein Prozess in Gang gesetzt der konsequent weitergeführt werden muss. Die Bekämpfung von Armutskrankheiten ist eine globale Aufgabe, in der staatliche und multilaterale Institutionen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft kooperativ zusammenarbeiten müssen. Wir Grünen im Bundestag werden diesen Prozess begleiten und uns dafür einsetzen, dass die Empfehlungen der WHO mit Leben gefüllt werden.

 

Hintergrund

Viele Entwicklungsländer sind in einer "Armuts-Krankheits-Falle" gefangen, die ihre Chancen auf Entwicklung stark einschränken. Auf der einen Seite sind arme Menschen anfälliger für Krankheiten, auf der anderen Seite kann Krankheit arm machen. Gesundheit ist deshalb elementar für die Entwicklung eines Landes.

Neben den bekannten Seuchen, unter denen auch viele Menschen in Industrie- und Schwellenländern leiden – HIV/AIDS oder Tuberkulose – gibt es eine ganze Reihe von bei uns mehr oder weniger unbekannten tropischen Krankheiten. In Afrika, Asien und Lateinamerika leiden etwa eine Milliarde Menschen an Schlafkrankheit, Flussblindheit oder Chagas. Aber auch bei Malaria und Tuberkulose gibt es so gut wie keine Medikamente bzw. nur veraltete Medikamente mit starken Nebenwirkungen und zweifelhaftem Therapieerfolg. Deshalb werden sie "vernachlässigte Krankheiten" oder im englischen Fachjargon "neglected diseases" genannt.

Der Grund der Vernachlässigung ist so simpel wie erschreckend. Die Erforschung dieser Krankheiten und die Entwicklung von Medikamenten verheißen den pharmazeutischen Unternehmen keine Gewinne, denn der größte Teil der potentiellen Käuferinnen und Käufer ist arm. Auch vorhandene Medikamente sind oft nicht auf die Bedürfnisse der Menschen in Entwicklungsländern zugeschnitten (z.B. keine Hitzebeständigkeit) oder schlichtweg zu teuer.

Der Anreiz ein Medikament zu entwickeln basiert auf dem exklusiven Vermarktungsrecht über mehrere Jahre durch ein Patent. Die Armutskrankheiten haben in diesem System, in dem die Forschung direkt an den Verkaufserfolg gekoppelt ist, schlechte Karten. Zwischen 1975 und 2004 wurden 1556 Medikamente neu entwickelt. Davon entfielen auf die tropischen Armutskrankheiten 18, auf Tuberkulose drei neue Medikamente. 

Wie können Forschung und Entwicklung für Medikamente zur Behandlung vernachlässigter Krankheiten aktiviert werden und zu greifbaren Ergebnissen führen, die den Menschen in den Entwicklungsländern zu Gute kommen? Für Entwicklungsländer sind in erster Linie auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Medikamente  zu erschwinglichen Preisen notwendig. Seit einigen Jahren gibt es daher Versuche neue Anreizstrukturen für Forschung und Entwicklung bei den "neglected diseases" zu schaffen. Die Modelle reichen von Preisgarantien durch die "Advanced Market Commitments", die Ausschreibung von Forschungsprämien, Public Private Partnerships (PPPs) bzw. Product Development Partnerships (PDPs) bis zu einer Stärkung der öffentlichen Forschung. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erkannte die Diskrepanz zwischen dem Anspruch der Weltgemeinschaft in Entwicklungsländern die Gesundheitssituation zu verbessern und der Forschungssituation zu Krankheiten, die besonders diese Länder betreffen. Deshalb schuf sie 2003 die Commission on Intellectual Property Rights, Innovation and Public Health (CIPIH), die Anreizmechanismen zur Entwicklung neuer Medikamente und Zugangswege für Entwicklungsländer zu diesen analysieren soll. Eine Arbeitsgruppe der CIPIH, die Intergouvernmental Working Group (IGWG) hat eine globale Strategie vorgelegt, die die Entwicklung neuer Therapiemöglichkeiten für die "neglected diseases" vorantreiben soll. Das Strategiepapier wurde auf der letzten Weltgesundheitsversammlung vom 19.-24.05.2008 in Genf angenommen.

Zusätzliche Information