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13. Dezember 2009

Utes Tagebuch vom Klimagipfel Cop 15 in Kopenhagen.

Sonntag, den 13. Dezember 2009

Die Herausforderung der Konferenz besteht darin, sich zu konzentrieren. Die Masse an Papieren und Infos ist riesig, ich gehe an diesem trüben Sonntagmorgen erst mal meine gestern eingesammelten Unterlagen durch. Ich fürchte nämlich, dass ich sonst nicht dazu komme, diese in der hektischen Plenumswoche zu lesen – der Spiegel meldet ja schon die Entzauberung von Guttenberg.

Im Bella Center ist heute nichts los – dafür treffen sich die AktivistInnen im Klimaforum in der Nähe des Bahnhofes. Dort ist kaum ein Durchkommen, auf dem Boden sitzen die Erschöpften, Diskutierenden, Spielende und die Essenden. An dem einem großen Tisch konzentriertes Arbeiten an den mitgebrachten Laptops. Cop 15 - Laptops in actionBella Center in Kopenhagen - Laptops in AktionTechnisch auf der Höhe der Zeit, sind die Bereitschaft und die Fähigkeit sich einzumischen, enorm. Das ist auch spürbar im großen Veranstaltungsraum des Klimaforums. Es werden wohl über 700 Personen sein, die hier den kurzen Vorstellungen der unterschiedlichen Organisationen aus allen Frauen Länder lauschen. Mit Gedichten - beklatscht und berappt-, mit Slogans und Videos aufgelockert, gehen die Stunden in dem abgedunkelten Saal schnell rum. Doch was kann man in max. 5 Minuten wirklich berichten? Informationen stehen nicht so sehr im Vordergrund, eher bekomme ich ein Bild von den existenziellen Sorgen all überall auf der Welt. Der Klimawandel bringt die Menschen in Afrika, Lateinamerika und Asien schon heute um ihre kleinen Besitztümer. Fast unwiederbringlich. Und die Veränderungen sind zusätzlich lebensbedrohend –tötend. Das wird hier gezeigt – und gemeinsam erfahren. Gleichzeitig wird Kraft und Motivation getankt für die kommenden Tage, in denen Druck auf die Regierungschefs gemacht werden soll.

Jetzt schließt sich die Veranstaltung der europäischen Grünen an: Stimmen der "Leader" aus 4 Kontinenten. Neben dem Gallier und frischgewählten Europaabgeordneten José Bové, der es kämpferisch schafft, den Saal in Stimmung zu bringen, sind es die Frauen, die hier bestimmen.Cop - Marina SilvaCop 15 - Marina Silva aus Brasilien Sei es Christine Milne aus Australien, Elisabeth May aus Kanada oder die charismatische Marina Silva aus Brasilien, sie fordern den grünen Weg aus der Krise und zeigen sich allesamt empört, ja sogar beschämt, über die eigenen Regierungen.

Meine letzte Veranstaltung beginnt um 21 Uhr. Die Heinrich Böll Stiftung hat eingeladen zu einem "Dinner Debate", über die realitätsnahe Vision, Europa endgültig auf den erneuerbaren Pfad – insbesondere bei Strom- zu bringen. Michaele Schreyer, die ehemalige EU-Kommissarin, beruft sich auf eine Studie, die das große Potential Europas für erneuerbaren Strom beziffert und feststellt, dass Europa weit davon entfernt ist, dieses Potential auszuschöpfen. Einzelne Staaten wursteln allein vor sich hin, um erneuerbare Energien und Effizienz voranzubringen, aber was fehlt, ist eine geeinte Politik in Europa. "ERENE" ist die Organisation "european community for renewable energy", die das ändern will. Es bleibt aber nicht abstrakt, wir über 25 Anwesenden lassen uns aus der baltischen Region erzählen, welche Möglichkeiten existieren. Eine ziemlich konkrete Studie über die Potentiale hat hier schon einiges an Bewegung gebracht, denn auch hier werden inzwischen Erneuerbare Energien als ein sinnvoller, ökonomischer Weg für die Zukunft erkannt. Die Diskussionsbeiträge sind sehr interessant und schließen einen sehr informativen, innovativen Abend gelungen ab.

Und ich werde am Montag Kopenhagen schon den Rücken kehren und von Berlin aus die Verhandlungen verfolgen. Eigentlich wäre ich gerne geblieben – jetzt wo die Rettung des Klimas in die letzte Woche der COP 15 geht.

 

 

Samstag, den 12. Dezember 09


Blauer Himmel, erfrischend kalt. Bestes Wetter für die Demo in Kopenhagen. Damit ich den Vormittag noch nutzen kann, starte ich einen Versuch, mich im Bella Center, dem Konferenzzentrum, registrieren zu lassen.

Raus aus der Metro, runter zum Eingang und dann Stopp. Die dänische Polizei unterscheidet strikt zwischen denen mit Einlasskarte und die ohne. Also muss ich noch vor dem eigentlichen Eingang Schlange stehen. 40 Min für 3 Meter und dann noch mal schätzungsweise 170 Meter Warterei. Keine Chance. Ich fahre weiter in die Innenstadt. Dort hat der Verkehr merklich nachgelassen, die Polizei ist sehr präsent.

Zur Stärkung und Erfrischung suche ich ein noch menschenleeres Cafe auf, das sich prompt füllt und zwar mit eindeutig erkennbaren DemonstrantInnen aus Ländern wie Frankreich, Deutschland und Dänemark. Sammelpunkt ist der Schlossplatz. Die grünen Fahnen zeigen den Weg. Dort sind sie – die Grünen in alt und jung, aus Schweiz, Kanada, Niederlande, Belgien, die Europäischen und natürlich meine KollegInnen Bärbel, Sven, Hermann, Ingrid, Viola aus dem Bundestag sowie Claudia Roth. Sie ist gut drauf und bestens vorbereitet, ständig interviewt und vor Kameras gefragt zu werden.
Cop 15 - Demo mit Claudia RothDemonstration in Kopenhagen mit Bündnis 90 / Die Grünen-Bundesvorsitzender Claudia RothWir genießen die Sonne, die frische Luft und stehen mitten auf dem Schlossplatz, mit Menschenmassen soweit das Auge reicht. Kaum ein Durchkommen mehr – wer sich von den EinwohnerInnen in das Getümmel mit Rad wagt, braucht wohl Stunden. Ich meine, es müssten über 70 000 sein, die sich versammelt haben. Cop 15 - Schweiz Plakat Du hast gute Gründe








Die ersten Reden, leider kaum ein Wort zu verstehen, irgendwie bin ich die ganze Zeit beschäftigt, die Zeit bis um 14h geht rum wie nix. Dann werden wir alles ungeduldig. Genug gestanden, jetzt muss es losgehen und der Zug setzt sich über wohl knapp 7 km lange Strecke in Bewegung. Bunt, abwechslungsreich, viel Stimmung. Rock, Reggae, Blues und Sprüche wie "there is no planet B,", "act now", "revolution" begleiten uns bis wir gegen 16 h in die Nähe des Bella Centers kommen. Von Krawallen weit und breit keine Spur, davon muss ich mir später berichten lassen.

Es ist schon dunkel, als Bärbel Höhn und ich den Versuch wagen, uns doch noch im Bella Center registrieren zu lassen. Auf Umwegen kommen wir dorthin, denn die breitschultrige Polizei lässt sich auch nicht von einem Diplomatenpass beeindrucken. Aber das Hineinkommen in den Konferenzort ist immer noch nicht einfach. Nach einer Stunde Anstehen kommt zu allem Überfluss die freundliche Ansage, dass es gut sein kann, dass wir umsonst da sind und die Registrierung gestoppt wird. Keiner rührt sich. Aber nach fast zwei Stunden sind wir alle drin.

Zielsicher steuere ich auf den Stand Ecuadors zu.

Dort treffe ich tatsächlich Carlos Larrea von der Yasuní-ITT Initiative zum Schutz eines kostbaren Teils des Amazonas gegen die Ölverseuchung. Cop 15 - Stand EcuadorUte am Ecuador-Stand mit Carlos Larrea von der Yasuní-ITT Initiative Austausch von Material und den Neuigkeiten: am Donnerstag abend findet die öffentliche Unterzeichnung des mit UNDP verabredeten Treuhandfonds mit Ecuador statt. Das ist gut, denn damit kann mit der Anfrage nach Einzahlung in den Fonds endlich gestartet werden. Schade, ich kann nicht dabei sein.

Dann drehe ich noch eine große Runde durch das Kongresszentrum. Die Stimmung ist gedämpft, viele Gruppen sitzen mit Laptops um den Tisch, diskutierend, beratend. Die auf TV übertragene Pressekonferenz mit Yve de Boer und der dänischen COP-Leiterin Connie Hedegaard ist bitter. Zwar ist klar, es gibt kein Einzelergebnis bevor es ein Gesamtergebnis gibt, aber es kann doch nicht sein, dass konkrete Schritte weiter verschleppt werden – auf die nächsten 6 bis 12 Monate. Die Welt retten – um nicht weniger wird in Kopenhagen verhandelt. Und es gibt keine Aussicht auf einen wirklichen Erfolg. Es ist nicht auszuhalten.

Auf einmal treffe ich wieder auf die Deutschen aus der Delegation – und wir machen uns auf zur NGO-Party. Doch da hält es mich nicht lange und weil doch etwas hungrig, suchen wir zu dritt ein kleines Restaurant auf und diskutieren unsere Erkenntnisse bis die Zugfahrt zurück nach Malmö ansteht. Ein kleiner Spurt sorgt auch dafür, dass wir unsere Verbindung tatsächlich erreichen!


Freitag, den 11. Dez.09

Mein Zug, der Lipperländer fährt los nach Kopenhagen. Das dauert immerhin 12 Stunden. In Hamburg wird der ICE rappelvoll – die Menschentrauben mit viel Gepäck zwängen sich in die Gänge. Da bringt es doch viel Abwechslung, dass eine Fährfahrt zum Verlassen des Zuges zwingt und die frische Brise die Stimmung auflockert.

Hopenhagen


Bei Ankunft ist klar: Hier ist was los. Und das liegt nicht allein daran, dass am Bahnhof gegenüber das Tivoli die dänischen Menschenmengen anzieht. "Hopenhagen" ist in! Mit dieser frechen Umbenennung zeigt die Stadt ihren leichten Optimismus: "Experience the world's climate challenges and become a part of the climate solution – visit the city of Hopenhagen". Das ist doch mal ein starker Slogan! Das mir eine Gänsehaut über den Rücken läuft, liegt vielleicht eher daran, dass es heute sage und schreibe 2Grad kalt ist. Das ist die Ansage für den Klimagipfel – denn darum geht es , um das Erreichen des 2 Grad Zieles – sprich wärmer darf die Erdkugel menschengemacht nicht werden, sonst bleibt nichts wie es ist.

Der einzige Termin heute abend bleibt der Empfang bei der Heinrich Böll Stiftung. Barbara Unmüßig von der Stiftungund Claudia Roth, unsere grünen Vorzeigefrauen, machen Power für den Kampf ums Klima.

Doch Frust liegt in der Luft. Es tut sich auf der COP 15 zu wenig. Die einzigartige Chance, die das Zusammentreffen all dieser Nationen jetzt bietet, um wirklich das Klima und damit die Erde noch zu retten – sie scheint zu zerrinnen. Doch es wird hart hinter den Kulissen gerungen. Die NGOs machen Druck, werfen sich voller Engagement und Verve in die Textarbeit – hier ist Wissen und Netzwerkarbeit gefragt. So kann ich es den Gesprächen entnehmen. Der zahlreiche Besuch beim Empfang zeigt – die HBS hat richtig daran getan, dieses Event zu organisieren. Der Austausch und das lang andauernde Stimmengewirr zeigen, dass es viel zu besprechen gibt. Und es fällt leicht, mit den anderen TeilnehmerInnen ins Gespräch zu kommen. Schnell nach Land und Funktionen gefragt, Hintergrund ausgetauscht und Karten verteilt, und schon geht es zum nächsten Gespräch. Ruanda, Mexiko, Indonesien, China…. Die Zeit vergeht im Flug und weil ich noch mein Hotel in Malmö erreichen muss, muss ich doch zu früh gehen.